Die Magie von Filmorten als Wirtschaftsfaktor: Prof. Hennig-Thurau im Interview mit Deutschlandfunk Kultur
In einem aktuellen Beitrag in der Sendung „Studio 9“ auf Deutschlandfunk Kultur, dem führenden Kulturradio Deutschlands, beleuchtete Professor Thorsten Hennig-Thurau, Inhaber des Lehrstuhls für Marketing & Medien am Marketing Center Münster, die weitreichenden Auswirkungen des Filmtourismus. Ausgelöst durch die Debatte um die Entscheidung von Netflix, die Serie Emily in Paris nach Rom zu verlegen – ein Schritt, der sogar eine Reaktion des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hervorrief –, erläuterte der Experte für „Entertainment Science“ die Mechanismen hinter diesem Phänomen. Prof. Hennig-Thurau betonte, dass populäre Film- und Fernsehproduktionen längst nicht mehr nur der Unterhaltung dienen; sie fungieren als einflussreiche Imageträger, welche die touristische Attraktivität ganzer Regionen maßgeblich prägen.
Im Zentrum dieser Faszination stehen laut Prof. Hennig-Thurau sogenannte „Places of Imagination“ (Orte der Vorstellungskraft). Fans reisen zu Drehorten, um eine physische Verbindung zu fiktionalen Welten aufzubauen und der „Magie des Kinos“ so nah wie möglich zu kommen. Der Professor, der sich selbst als leidenschaftlichen Filmtouristen bezeichnet, nannte eine spanische Hochebene als seinen persönlichen Sehnsuchtsort – dort, wo der italienische Regisseur Sergio Leone Mitte der 1960er Jahre den Friedhof für das Finale von Zwei glorreiche Halunken errichten ließ. Es ist der Wunsch, die Grenze zwischen Vorstellung und Realität für einen Moment verschwimmen zu lassen, der Millionen Menschen an solche Orte zieht – teils so intensiv, dass Fans Kulissen sogar eigenhändig rekonstruieren, wie im Falle des besagten Friedhofs geschehen.
Diese Leidenschaft schlägt sich direkt in beeindruckenden Wirtschaftszahlen nieder. Unter Verweis auf wissenschaftliche Studien führte Prof. Hennig-Thurau Dubrovnik als Beispiel an, wo Game of Thrones die Übernachtungszahlen um rund 28 % steigerte und innerhalb von drei Jahren etwa 240.000 zusätzliche Übernachtungen generierte. Besonders spannend aus Marketing-Perspektive ist seine Beobachtung, dass sich die Realität oft der Fiktion anpasst: Im Londoner Stadtteil Notting Hill wurde beispielsweise ein Geschäft nachträglich als „Notting Hill Bookstore“ umgestaltet, um den Erwartungen der Besucher gerecht zu werden – obwohl dieser im Film an exakt dieser Stelle gar nicht existierte.
Zusammenfassend machen die Erkenntnisse von Prof. Hennig-Thurau deutlich, dass Filmtourismus als Brücke fungiert: Er macht die flüchtige Magie der Leinwand im realen Leben greifbar und transformiert dadurch nachhaltig Stadtbilder und lokale Märkte.
Das vollständige Interview von Deutschlandfunk Kultur mit Prof. Hennig-Thurau können Sie hier nachhören: Link zum Interview